All die Hunderatgeber, Hundetrainer und anderen Experten propagieren die verschiedensten Regeln, die in einem Mensch-Hund-Team herrschen sollten. Da darf der Hund nicht vor dir durch die Tür gehen, muss andauernd irgendwo „Sitz“ oder wird heran gerufen machen und darf auf gar keinen Fall mit auf die Couch oder ins Bett. Als Hundehalter steht man tagtäglich mit einem Bein im erziehungstechnischen Fettnapf. Und das nur, weil wir einfach nur ein bißchen Nähe zu unserem geliebten Vierbeiner genießen wollen. Doch wieviele Regeln braucht die Beziehung Mensch-Hund tatsächlich?

Ohne Frage gibt es Hunde, die aufgrund ihrer rassespezifischen Eigenschaften geradezu darauf warten, dass du ihnen sagst, was sie zu tun haben. Die stört auch ein Kommandoton nicht, denn das einzige was sie wollen, ist eine Aufgabe. Rassen, die z.B. für die Polizeiarbeit genutzt werden, deutsche oder belgische Schäferhunde, haben dieses Gehorsams-Gen einfach in sich. Hier gibt einer die Kommandos (der Mensch) und der Hund führt sie aus, ohne zu hinterfragen.

Schauen wir uns aber mal an, welche Rassen normalerweise in deutschen Haushalten neben uns auf der Couch sitzen, werden wir  feststellen, dass uns da häufig ein Jagd-, Hüte- oder ein Herdenschutzhund entgegen blickt. Und gerade diese Rassen haben oft ein leichtes bis mittelschweres Problem damit, jeden Pups vorgeschrieben zu bekommen. Bei meiner Freya kommt man mit einem gebieterischen Kommandoton auf jeden Fall nicht sehr weit. Und einen 45kg schweren Cane Corso mit Aggression und Ungeduld in der Stimme dazu bewegen zu wollen, zu tun was man sagt, ist zumeist ein relativ hilfloses Unterfangen. Bei ihr beißt man sehr schnell auf Granit, wenn man nicht respektvoll und teamorientiert mit ihr umgeht. Und das hat mich auf einige Gedanken gebracht, die ich hier gern zur Diskussion freigeben möchte.

Viele Rassen sind auf die Arbeit mit Menschen im Team gezüchtet, andere wiederum darauf, ihre Arbeit alleine zu verrichten. Herdenschutzhunde beispielsweise bewachen eine Herde meist Tag und Nacht, ohne dass der Mensch dabei ist. Gerade diese Hunde sind von Natur aus eher zum Mitdenken geboren und nicht besonders gut in der Rolle des stumpfen Befehlsempfängers. Als Halter befindest du dich dann in der unglücklichen Lage, dass dein Hund jede Anweisung hinterfragt, sie bei Bedarf als unsinnig betrachtet und einfach ignoriert. Wenn das geschieht, bringt es für die Beziehung rein gar nichts, stur auf die Ausführung des Kommandos zu beharren. In solch einem Fall solltest du dich fragen, ob dein Kommando wirklich Sinn ergibt oder du dich jetzt einfach nur aus Prinzip durchsetzen willst, obwohl kein wirklicher Grund dafür besteht.

 

Was ist ein guter Rudelchef?

Schaut man sich ein Hunderudel mal genauer an, wird man feststellen, dass der Chef grundsätzlich der ist, der die meiste Ruhe und Souveränität ausstrahlt. In den meisten Fällen wird er nur aktiv, wenn wirklich eine Entscheidung ansteht. Man wird ihn selten sehen, wie er anderen Rudelkollegen jeden Schritt vorschreibt, ihnen dauernd Dinge verbietet oder panisch bellt, wenn sich jemand mal ein paar Meter zu weit von der Gruppe entfernt. Er gibt lediglich die grobe Richtung vor, ansonsten lässt er jedem Rudelmitglied die persönliche Freiheit. Bei Auseinandersetzungen geht er dazwischen, aber das war es eigentlich. Leben und leben lassen…

Versuch Situationen auch mal aus der Sicht deines Hundes zu sehen, dann wirst du einige Verhaltensweisen, die dir vorher unerklärlich waren, wahrscheinlich aus einem anderen Blickwinkel betrachten. Auch wenn Hund und Mensch sich in den Grundbedürfnissen (Futter, Sicherheit, soziale Nähe etc.) ähnlich sind, sehen wir doch die Welt mit ganz anderen Augen. Dein Hund weiß nicht, dass das Paar Schuhe, das er gerade zerkauft hat, 500 € gekostet hat. Er hat dich nur vermisst und wollte dir ein Stück näher sein. Unsere doch sehr künstliche Welt voller unnatürlicher Gefahren ist für Hunde manchmal schwer zu verstehen. Genauso verhält es sich aber bei vielen Menschen, die keine Verbindung zum Natürlichen und damit ihrem eigenen Ursprung mehr aufbauen können.

Nörgel also nicht ständig an deinem Hund herum oder kontrolliere ihn auf Schritt und Tritt. Du hast ein Lebewesen vor dir, das prinzipiell auch ohne dich gut klarkommen würde. Es entscheidet sich freiwillig, bei dir zu sein, also braucht man nicht permanent seine Rolle als Rudelführer immer und immer wieder zu beweisen. Du darfst auch mit ihm rumalbern, ihn beim Spielen gewinnen lassen oder mal Fünfe gerade sein lassen. Bestimme ein paar Grundregeln, die in deinem Haushalt und in deinem Rudel ohne Diskussion zu gelten haben und genieße die Zeit mit deinem Hund. Sie wird eh viel zu kurz sein.

 

Du bestimmst die Grundregeln

Kein Frage, im Zusammenleben zwischen Mensch und Hund muss es einige Grundregeln geben, an die sich beide zu halten haben. Du hast als Rudelchef einige Verpflichtungen, denen du nachkommen musst, aber genauso sollte dein Hund seine Aufgaben und Grenzen in der Gemeinschaft kennen. Die Sache mit den Regeln ist eine sehr individuelle, schließlich ist jedes Rudel anders. Auch wenn es in der Hundeschule einen ganzen Katalog an Dingen gibt, die man beachten muss. Im Endeffekt entscheidest  du, mit welchen Verhaltensweisen deines Hundes du leben kannst oder welche sogar erwünscht sind. Nur, weil dein Trainer es anders machen würde, heißt das nicht, dass dies auch die richtige Umgehensweise in deinem Rudel ist.

Viele Hundebesitzer lassen ihren Hund zum Beispiel mit auf die Couch oder sogar ins Bett. Dagegen ist prinzipiell überhaupt nichts einzuwenden, denn gemeinsames Kuscheln und Körperkontakt sind wichtig für die Beziehung. Ein Problem wird es erst, wenn der Hund beginnt, sich auszubreiten oder sogar seinen Platz zu verteidigen. Wenn das passiert stimmt etwas nicht in der Rangfolge und es besteht Handlungsbedarf. Ist aber alles harmonisch, gibt es auch keinen Grund, dafür eine Regel aufzustellen. Generell sollte man aber im Hinterkopf behalten, dass ranghohe Tiere gerne höhere Positionen (also Liegeflächen) einnehmen, als die rangniedrigeren. Hat man zwei Hunde gibt es hin und wieder Streitigkeiten um die erhöhten Plätze. In solch einem Fall sollte dann keiner der beiden erhöht liegen lassen. Einfach beide runter schicken, damit macht man es sich am einfachsten.

Murdoch macht sich zum Beispiel gern mit Herrchen auf der Couch breit, wenn ich noch nicht da bin. Sobald ich aber komme und auch mit drauf möchte, muss ich ihm nur kurz sagen, dass er mal ein bißchen rücken soll. Er macht mir dann Platz, damit wir alle auf die Couch passen. Natürlich war das nicht immer so. In Zeiten halbstarker Diskussionsbereitschaft ist es das eine oder andere Mal vorgekommen, dass er sich eben nicht bewegt hat. Er hat mir relativ klar gezeigt, dass er es nicht für angebracht hält, mir Platz zu machen. In der Konsequenz habe ich ihn immer runter geschickt. Und ich meine geschickt, nicht geschubst, gedrückt oder gezogen. Nur mal kurz angestubst, um meiner Forderung Nachdruck zu verleihen. Ganz einfach: Entweder er macht mir Platz oder er fliegt runter. Da braucht man gar nicht zu diskutieren. Das hat er relativ schnell verstanden. Bei Freya sind wir noch dabei. Sie hat hin und wieder (auch aufgrund ihrer Pubertät – oh Freude!) Anwandlungen, wo ihr nicht ganz klar zu sein scheint, dass ich im Endeffekt sturer bin als sie. Aber das bekommen wir auch noch hin.

Etwas anderes, das sich dank der Trainingsratgeber in deutschen Haushalten ganz schön etabliert hat, ist diese Sache mit dem Warten, bevor der Hund an sein Futter darf. Wenn dein Hund keine Futteraggression zeigt, ist es eigentlich ziemlich sinnlos, ihn warten zu lassen. Er akzeptiert dich doch bereits als Rudelchef (zumindest in dieser Situation) und du brauchst das nicht zweimal am Tag deutlich machen. Für deinen Hund macht diese Übung dann keinen Sinn. Er versteht einfach nicht, was das soll, wartet aber wahrscheinlich trotzdem. Der Lerneffekt dabei ist fragwürdig bzw. gen Null gehend. Auch das weit verbreitete Argument, dass man dem Hund damit abtrainiert, unterwegs beim Spaziergang Dinge zu fressen, halte ich für ausgeschlossen. Ein Hund kann sehr wohl Unterschiede machen, wo er sich befindet und was er von wem bekommt.

 

Der Ton macht die Musik

Das gilt nicht nur in zwischenmenschlichen Beziehungen, sondern auch in der Interaktion mit deinem Hund. Niemand hat gern einen Chef, der permanent kritisiert, einen auf Schritt und Tritt verfolgt oder dir sagt, was du zu tun hast und wie. Wenn du deinen Hund zur Zusammenarbeit bewegen kannst, wird er nur zu gern das tun, was du von ihm möchtest. Die meisten Hunde sind relativ einfach zu begeistern. Du musst nur heraus finden, woran dein Hund Spaß hat. Mag er lieber Kuscheln, ein Ballspiel oder Leckerchen? Mit Belohnungen und viel positivem Feedback bekommst du nicht nur einen Hund, der begeistert bei der Sache ist, sondern er lernt auch schneller. Bei den Belohnungen spielt das Timing eine wichtige Rolle. Dazu findest du hier einen Beitrag zum richtigen Belohnen.

Wenn dein Hund etwas tut, was nicht erlaubt ist, musst du sofort einschreiten. Am besten ist es, wenn du ihn auf frischer Tat ertappst. Ist die Situation oder das falsche Verhalten bereits vorbei, bringt es nichts, ihn im Nachhinein dafür zu tadeln oder gar zu bestrafen. Dein Hund wird dann nicht wissen, warum er Ärger bekommt, weil die Situation bereits vorbei ist. Der Lerneffekt ist also gleich Null, aber die Unsicherheit seitens deines Hundes relativ hoch. Das kann auch einen Vertrauensbruch mit sich bringen. Achte deshalb genau auf dein Timing – sowohl bei Belohnungen als auch bei Korrekturen.

Auf gar keinen Fall macht es Sinn, den Hund anzuschreien oder gar körperlich zu maßregeln. Auch wenn du vielleicht diese bestimmte Situation schon zig Mal trainiert hast und er es eigentlich wissen müsste – offensichtlich liegst du falsch und dein Hund hat eben NICHT verstanden, dass er das nicht darf. Da hilft nur eins: Im Training noch mal ein paar Schritte zurück gehen und erneut üben, üben, üben.

 

Weniger ist mehr – wichtige Kommandos

Es gibt ein paar Kommandos, die dein Hund auf jeden Fall kennen und befolgen sollte. Schon allein aus Gründen seiner eigenen Sicherheit! Das Kommando „Nein“ oder „Aus“ gehört zum Beispiel dazu, um deinem Hund ein Tabu deutlich zu machen oder ihn dazu zu bringen, das abzugeben, was er gerade im Maul hat. Es wäre auch nicht schlecht, wenn er auf Kommando zu dir kommt oder an einer bestimmten Stelle wartet, wo du ihn abgelegt hast. Vergiss aber nicht, deinen Hund auch wieder frei zu geben, sonst lernt er ganz schnell, dass er die Entscheidung treffen kann, wann das Kommando vorbei ist.

„Sitz“ ist sicherlich das beliebteste Kommando unter Hundehaltern und es wird gern inflationär benutzt. An jeder Straße soll der Hund sich hinsetzen. Uns Menschen gibt das manchmal eine trügerische Sicherheit, dass wir eine gewisse Art von Kontrolle über den Hund haben. Fakt ist aber, dass dein Hund sich aus dem Sitz fast genauso schnell lösen kann, wie wenn er einfach nur neben dir steht. Ich hatte dazu eine Einsicht im Training mit Murdoch. Es ist schon ein paar Jahre her, aber ich wollte von ihm immer ein „Sitz“, wenn uns auf dem Gassigang ein Auto entgegen kam. Eines Tages waren wir unterwegs (es hatte vorher geregnet) und es kam ein Auto. Ich rief Murdoch zu mir ran und wollte, dass er Sitz macht. Das Gras war aber nass und Murdoch wollte seinen Fellpopo nicht so gern auf den Boden setzen. Also blieb er stehen und schaute mich an. Erst wollte ich mein Kommando durchsetzen, immerhin bin ich der Rudelchef und er muss machen, was ich von ihm verlange. Aber warum? Es war klar, dass Murdoch sich nicht von meiner Seite bewegen würde, bis ich ihn wieder frei gab. Was ist also der Sinn dahinter, dass er sich hinsetzt und seinen Popo nass macht. Für ihn ist es unangenehm, er ist nicht so der Fan von Wasser, es sei denn es ist ein See, das Meer oder ein stinkender Graben. Und auch ich würde mich nicht so gern ins feuchte Gras setzen. Das muss man auch mal so sehen und akzeptieren.

 

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