„Mein Hund ist ein Arschloch!“ Es so krass auszudrücken ist sicherlich ein bißchen kontrovers – und das soll es auch sein. Denn oft entschuldigen wir die Macken unseres Hundes mit einer schwierigen Kindheit, schlechten Erfahrungen oder einfach der Tatsache, dass dies nunmal der Charakter des Hundes ist. Aber wieviel steckt wirklich hinter vermeintlichen Problemen, die man nicht ändern kann? Das schauen wir uns heute mal genauer an.

Hand auf´s Herz – jeder Hund hat irgendwo eine Baustelle, die uns nicht passt und uns teilweise sogar in der Öffentlichkeit beschämt dastehen lässt. Man hat schon alles versucht, zahllose Trainer haben sich die Zähne ausgebissen, aber der Hund zeigt immer noch das unerwünschte Verhalten, das uns und unseren Mitmenschen so richtig auf die Nerven geht. Seien es die Versuche des Hundes, seinen und andere Menschen zu kontrollieren oder einfach die absolute Intoleranz des Vierbeiners gegen Artgenossen oder andere Umwelteinflüsse. Wenn man bei einer „Macke“ seines Hundes mit dem Latein am Ende ist und die Situation ausweglos erscheint, nimmt man es vielleicht manchmal einfach so hin. Ob du es glaubst oder nicht, viele Menschen schieben das Fehlverhalten auf eine Charaktereigenschaft des Hundes oder sogar schlechte Erfahrungen in der Vergangenheit. Das ist einfacher, als die Ursache bei sich selbst zu suchen.

Dabei ist es meist gar nicht so schwer, diese Probleme zu beseitigen. Wenn die ausgeklügelten Traingssysteme der Hundeschulen im Alltag hilflos erscheinen, verliert man irgendwann die Hoffnung und das ist auch verständlich. Oft liegt der Schlüssel zur Lösung aber im eigenen Denken und im täglichen Umgang mit dem Hund. Ein bißchen Hundeflüstern kann oft schon einen gewaltigen Unterschied machen.

Grenzen akzeptieren

Vor deinem Hund ist nichts und niemand sicher? Die Salami auf der Küchentheke, die Schuhe im Flur oder das Stromkabel sind alles Dinge, die für den Hund eigentlich als Tabu gelten sollten. Aus Hundesicht sind dies alles Ressourcen, die ein Rudelchef zu verwalten hat. Und genau deshalb sind sie so begehrenswert, gerade in der Anfangszeit im neuen Zuhause. Genauso ist es mit Besuch, den wir zu Hause empfangen. Als Welpe mag die stürmische Begrüßung zwar noch ganz niedlich sein, aber wenn auf einmal ein respektloser, ausgewachsener Riese mit 40 oder 50kg Körpergewicht vor einem steht, wäre es schon wünschenswert, wenn dieser sich nicht wie der Elefant im Porzellanladen benimmt. Das passiert nicht, weil er einfach nicht weiß, wie groß er ist, sich so sehr über Besuch freut oder aber kein Fan von Eindringlingen in sein Revier ist. Das passiert ganz einfach, weil bestimmte Grenzen nicht klar sind. Und die Lösung des Problems liegt oft in unserem Verhalten als Rudelführer.

Wie wichtig es ist, einem Hund Grenzen zu setzen haben wir erst kürzlich neu feststellen müssen, als die Cane Corso-Hündin Freya mit 1,5 Jahren bei uns einzog. Ein Hund, bei dem wir nicht schon in der Welpenphase schnell und einfach Regeln etablieren konnten. Wie bereits in vorherigen Blogs erwähnt, hat Freya das starke Bedürfnis, diese Grenzen kennen zu lernen, auszutesten und in Frage zu stellen. Demnach waren genau die oben erwähnten Dinge Hauptbestandteil unserer „Diskussionen“. Anfangs bediente sich Freya ganz freimütig an dem, was eigentlich für uns Menschen bestimmt war. Käse, Wassermelone und die besagte Salami landeten mehrfach in Freyas Magen statt in unserem. Genauso mit Schuhen. Sie zerkaute sie zwar nicht, aber immer wenn sie sich in einer emotional stressigen Situation befand (was am Anfang schon bedeutete, dass Frauchen kurz auf die Toilette ging), griff sie sich einen Schuh und schleppte ihn durch die ganze Wohnung. Am Anfang fanden wir das alle niedlich, bis mir der Geduldsfaden riss, als ich einmal geschlagene 10 Minuten nach meinem zweiten Chuck suchen musste, bevor wir Gassi gehen konnten.

Also mussten die Grenzen immer wieder konsequent aufgezeigt und verteidigt werden. Natürlich auf sanfte und freundliche Art, da man sonst sehr schnell auf die Sturheit Freyas stößt und meinen Millimeter weiter kommt. So ging es ein paar Wochen, dass wir Schuhe und die Reste der Käserinde einsammelten und uns jedes Mal ein Stück ärgerten und sorgten. Denn auf unseren Arbeitsflächen liegen auch mal Messer, Scheren oder sonstige Gegenstände herum, die für die Hunde gefährlich sein können. Das Highlight und der absolute Durchbruch kam dann auf Freyas erster Grillparty in unserem Haus. Wir saßen alle vollgestopft im Garten und unterhielten uns, als sie fröhlich mit einem übrig gebliebenen Putenspieß (mit Metallspieß!) aus der Küche wieder kam und sich vor mir ins Gras legte. Ich sprang auf, rief „Aus“, sie spuckte die Beute vor Schreck aus. Zeitgleich bin ich auf sie zu, aber nicht mit dem Gedanken, dass sie jetzt eins zwischen die Hörner bekommt, sondern mit der klaren Einstellung im Kopf, dass dieser Putenspieß mein Eigentum ist. Sie rannte weg, ich hinter ihr hinterher und dann stellte ich sie. Etwa einen Meter von mir entfernt stoppte sie und sah mich mißtrauisch an. Als ich merkte, dass ich ihre Aufmerksamkeit habe, entspannte sich mein Körper ich stellte mich wieder aufrecht hin. Dadurch erkannte sie, dass die direkte Drohung eines Angriffs meinerseits vorbei war. Ich forderte sie auf, mir zu folgen, sammelte den Spieß ein und nahm sie mit ins Haus. Ab diesem Zeitpunkt muss aller Ärger in dir verflogen sein. Es ist nichts schlimmes passiert, sie ist mir sogar freiwillig gefolgt. Deshalb darsf du jetzt nicht nachtragend sein. Im Haus habe ich sie ruhig und freundlich an die Leine genommen und sie musste dann eine halbe Stunde in meiner Nähe bleiben, mit eingeschränktem Bewegungsfreiraum.Die Freiheit kann sie nur haben, wenn ich mich auf sie verlassen kann und sie keine Gefahr für sich selbst darstellt.

Seit diesem Tag hat sie die Tabuzone Tisch/Arbeitsplatte akzeptiert. Ich nehme an, sie fand es auch sehr peinlich, von mir eine Ansage zu bekommen und ca. 15 Menschen schauten dabei zu. Sie war hinterher ganz kleinlaut und sehr darum bemüht, mir wieder zu gefallen. Mit Schuhen hat sie immer noch einen kleinen Tick, auch wenn das schon viel besser geworden ist. Aber wenn die Aufregung zu groß wird, weil wir selbst oder Besuch das Haus betreten, kann es schon noch mal vorkommen, dass sie mit einem unserer Schuhe ankommt. Aber sie verteilt sie nicht mehr alle 5 Minuten in der Wohnung. Und immerhin ist sie ein Mädchen, von daher wollen wir ihr einen kleinen Schuhtick zugestehen! 😉

Aggression

Aggressionen bei Hunden entstehen eigentlich nur aus zwei Gründen: Dominanz oder Unsicherheit! In beiden Fällen können die Anzeichen eigentlich schon sehr früh erkannt werden, wenn das Kind noch nicht in den Brunnen gefallen ist. Aber da wir Menschen so selten genau hinschauen, übersehen wir diese oft und bemerken das Problem erst, wenn es sich so richtig schön etabliert hat. Gerade Hunden mit wenig Sozialisierung oder sehr vielen schlechten Erfahrungen wird dann gern allgemein unterstellt, ein charakterliches Problem zu haben, was nicht mehr zu reparieren ist. Eine Tatsache, mit der man einfach leben muss. Ohne Frage gibt es tatsächlich Hunde, die ihre Abneigung gegen Artgenossen oder Männer mit Baseball-Kappen niemals ablegen, aber auch bei denen kann man das Problem mit ein wenig Verstand und Geduld zumindest soweit eindämmen, dass man halbwegs entspannt leben kann.

Leider ist es aber in unserem Kopf so, dass wir immer in die Zukunft denken. Ist das riesige Problem also erst einmal da (nachdem wir lange die Augen davor verschlossen haben), steht uns unsere wahnsinnige Intelligenz im Weg. Dann beginnt unser Gehirn nämlich bereits im Vorfeld damit, die schlimmsten Befürchtungen gedanklich durchzugehen. Unsere Energie und Körpersprache ändert sich, suggeriert dem Hund eine Gefahrensituation und verunsichert ihn, was dazu führt, dass er genau das unerwünschte Verhalten an den Tag legt. Wahrscheinlich, weil es seine Art des Beschützens seines Menschen ist. Je angespannter der Mensch dann ist, desto aggressiver wird der Hund.

Eine gewisse Art der Aggression ist gerade bei Murdoch eine Baustelle. Seit Freya bei uns ist, kommentiert er so gut wie alles mit einem Bellen. Ich habe den Eindruck, dass er manchmal glaubt der Chef des gesammten Rudels zu sein, nur weil er in der Rangfolge auch über Freya steht. Womit wir wieder beim Thema Grenzen ziehen wären. Das bedeutet für Murdoch ein paar Einschränkungen, z.B. mehr Genauigkeit beim Thema Geduld (Impulskontrolle), Rangfolge (Frustrationsgrenze) und allgemeine Diskussionen zum Thema Sklavenarbeit. Seitdem er mich neulich komplett ignoriert hat, als ich ihn gerufen habe, sind im Moment die Couch und das Bett für ihn tabu. Das waren vorher Privilegien, die er hatte und Freya nicht. Diese entziehen wir ihm jetzt eine Weile, bis er wieder mehr „seine Mitte“ gefunden hat. Und das funktioniert! Ohne Schreien, grob zu werden oder seine Dominanz auf andere Art zu etablieren. Es braucht ein paar Tage und viel Konsequenz, aber das Ergebnis ist schöner und hält länger an.

Benimmregeln

Benimmregeln sind oft für ehemalige Straßenhunde oder Tiere aus dem Ausland ein Problem. Oft sind sie schon als Welpe nur wenig und nicht besonders intensiv mit Menschen in Kontakt gekommen. Sie hatten meist mehr mit Artgenossen zu tun, sei es im Tierheim oder im Leben auf der Straße. Dass bestimmte Regeln und Grenzen ihnen also unbekannt sind, ist ziemlich klar. Was aber nicht heißt, dass sie diese nie lernen können. Hunde sind (wie wir Menschen) extrem anpassungsfähig. Was sie aber ganz besonders brauchen, ist ein fester Platz in einem Rudel, das Sicherheit, Spaß und einen Vorteil im Überleben bietet. Dass man auf Spaziergängen nicht in Mülleimern wühlt ist das Eine, der Sonntagsbraten auf dem Tisch das andere. Und auch, dass nicht jeder Mann mit Mütze einem böse gesonnen ist, kann der Hund begreifen, wenn er lernt, selbstsicherer zu sein und Situationen immer wieder neu zu bewerten.

Auch was die Benimmregeln angeht, hatten wir in letzter Zeit hier bei uns ein paar Erleuchtungen – mal wieder Dank Freya! An Besuch springt man nicht hoch, auch wenn man vielleicht das Bedürfnis hat, ihn am Ohr zu beschnüffeln. Hausschuhe zu bringen, ist im Gegensatz dazu dann wieder eine freundliche Handlung. Schon verrückt, diese Welt! Frauchen findet es nervig, der Besuch lacht sich kaputt! Im Zweifelsfall wollen wir ja dem Besuch gefallen, also wird das wohl den Rest unseres gemeinsamen Lebens so bleiben. Ich habe mich gedanklich damit angefunden, weil ich damit leben kann.

Die Beispiele zeigen, dass es oft bei Problemen mit dem Hund schon hilft, in seine Denkweise und Sprachwelt einzutauchen. So kann man einfacher und entspannter das Gewünschte rüber bringen, festigt die Beziehung und vereinfacht das Zusammenleben so ungemein. Wir haben zu dem Thema „5 Schritte zum Hundeflüsterer“ ein eBook geschrieben, dass du dir hier kostenlos downloaden kannst.

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